Es passt nicht zu mir

Es passt nicht zu mir.

Ist es nicht so?

Es passt nicht zu mir.

Weil du mich so nicht kennst.

Es passt nicht zu mir.

Weil ich mich so nicht zeige.

Es passt nicht zu mir.

Weil ich in euren Augen nicht so bin.

Es passt nicht zu mir.

Weil ich hinter meinem Lächeln verborgen bin.

Es passt nicht zu mir.

Weil jeder, auch ich, einem Bild entspricht.

Es passt nicht zu mir.

2. Kapitel: Willkommen zurück ( Schwarz und Weiß )

Seit drei Tagen war sie nun wieder bei Bewusstsein.
Sie starrte an die Zimmerdecke, so wie sie es oft tat. Was sollte sie auch sonst tun?
Sie durfte noch keinen Besuch bekommen. Selbst ihre Eltern mussten, nachdem sie wieder bei Bewusstsein war, erst einmal den Raum verlassen.
Die Ärzte hatten Angst ihr Geist könnte sich bei zu viel Aufregung wieder zurückziehen.
Sie langweilte sich.
Erst einmal war ihr die Ruhe gerade recht gewesen, denn so hatte sie nachdenken können, über alles was so passiert war. Aber jetzt, jetzt sehnte sie sich nach Gesellschaft.
Die Krankenschwestern und Ärzte, die sie betreuten, ließen sie nicht eine Sekunde aus den Augen, dass wusste sie.
Es klopfte. Sie sah auf. „Ja“, fragte sie gereizt. Die Tür ging auf und eine Krankenschwester trat ein, gefolgt von ihren Eltern.
„Jane Liebes“, ihre Mutter eilte sofort zu ihr. „Wie geht es dir Schatz?“ „Gut, Ma, wenn ich von der Langeweile mal absehe“.
Ihre Mutter lächelte tapfer und unterdrückte die Tränen, die ihr jedesmal kamen, wenn sie ihre Tochter sah.
Sie betrachtete ihre Mutter und erkannte, dass die letzten zehn Jahre auch an ihren Eltern nicht spurlos vorbei gezogen waren. In dem dunklen Haar ihrer Mutter waren graue Strähnen zu sehen und feine Fältchen durchzogen ihre Haut. Die Haare ihres Vaters waren schon lange nicht mehr blond, sondern grau.
Doch sie war nicht um einen Tag gealtert, für sie war die Zeit stehen geblieben. Sie umarmte ihre Eltern.
Der Arzt, der sie die letzten Tage betreut hatte, betrat das Zimmer. „Sie dürfen ab heute Besuch empfangen und wenn sich alles gut entwickelt, können sie bereits in einer Woche das Krankenhaus verlassen. Sie müssen jedoch noch eine Weile jeden Tag einmal bei uns vorbei schauen.“
„Ich würde es bevorzugen, wenn ich bereits heute gehen könnte, da ich ja eh einmal am Tag hierher kommen muss, um mich untersuchen zu lassen.“
„Das hatten wir doch schon, wir wollen sie nicht überfordern.“
„Ja, ja, ich weiß“, unterbrach sie ihn „Aber sie können mich doch sofort wieder herholen, falls ich mit der Welt draußen nicht klar komme.“
„Soweit wollen wir es erst gar nicht kommen lassen. Die Gefahr, dass ihr Geist sich wieder zurückzieht ist zur Zeit noch viel zu groß. Und sie müssen bedenken, dass sie seit nun mehr als hundert Jahren nicht mehr unter Menschen waren.“
Sie schnaubte wütend „Es ist doch wohl meine Sache.“ „Wir können einen Patienten, der noch nicht ganz über den Berg ist, nicht draußen herumlaufen lassen. Damit würden wir nicht nur sie gefährden, sonder auch ihr Umfeld.“
„Ach, und wie soll ich ihrer Meinung nach mein Umfeld gefährden? Haben sie etwa Angst, dass ich Amok laufe?“ fragte sie spöttisch „Das ist in der Tat nicht unwahrscheinlich, wenn wir sie jetzt schon entlassen. Weder sie noch wir wissen, wie sie auf die Welt da draußen reagieren werden.“
„Pah“ schnaubte sie. „Machen sie sich doch nicht lächerlich“, sie funkelte ihn gereizt an „Wenn sie Angst haben, dass ich Amok laufe, sollten sie mich hier nicht länger einsperren, hier werde ich noch irre.“
Gerade als er antworten wollte, klopfte es erneut an der Tür.
„Herein“, rief sie und die Tür ging auf. Eine große schlanke Frau mit hellbraunen Locken, gebräunter Haut und grünen Augen trat ein, sie war etwa 30. Hinter ihr stand ein großer Mann mit rotbraunem Haar und braunen Augen.
Die Beiden betraten den Raum. „Viktoria, John“, Janine strahlte. „Schön, dass ihr da seid, ich habe gehört, ihr seid mittlerweile verheiratet und habt einen kleinen Sohn?“
Sie sah die Beiden gespannt an. „Jane“, war alles was Viktoria heraus brachte. Dann umarmte sie ihre Freundin vorsichtig. Janine lachte. „Viki, ich bin nicht aus Glas.“
Ihrer Freundin rannen Tränen über die Wangen. „Oh Gott, Jane, ich dachte du würdest nicht mehr zurück kommen.“
Janine lächelte leicht. „Viki, es ist doch alles gut, ich bin wieder zurück.“
Die Angesprochene schluchzte jedoch nur hilflos auf und schüttelte den Kopf. „Oh Jane, nichts ist gut, nichts, es ist so viel passiert.“ „Ich weiß Viki, ich weiß.“ „Nein, sie sind tot. Jane, Mary und Josephina sind tot und Alice ist, Alice…“, sie konnte nicht mehr weiter reden und ließ sich schluchzend in Janines Arme sinken. „Ich weiß Viki.“
Nun rannen auch Janine die Tränen über die Wangen. „Aber ich weiß auch, dass du und John glücklich zusammen gekommen seid, ihr habt einen Sohn und Lisa ist ebenfalls glücklich.“
Doch das schien Viktoria nicht zu beruhigen, im Gegenteil. „Du hättest Jackis Patin werden sollen.“ Janine lächelte. „Das ist schön aber Max ist ein ebenso guter Pate.“
Viktoria sah erstaunt auf. „Woher, woher weißt du, dass Max Jackis Pate ist?“ „Oh, es ist mir so zu Ohren gekommen“, Janine lächelte sie sanft an.

Nachdem einige alte Freunde und Bekannte da gewesen waren, von denen sie wusste, dass sie seid Jahren nicht mehr bei ihr vorbei gesehen hatten, war sie nun wieder allein.
Auch ihre Eltern waren nach einer Weile wieder gegangen und jetzt saß sie an dem Fenster ihres Zimmers und blickte hinaus.
Um ehrlich zu sein hatte sie die Nase voll, jeder der sie besuchen kam, behandelte sie wie ein rohes Ei. Sie war weder blöd noch würde sie wie Glas zerbrechen, wenn man mit ihr normal umging. Sie wusste selbst, dass die Welt sich verändert hatte, sie wusste, dass viele ihrer alten Freunde entweder tod oder verrückt waren.
Sie wusste, dass das Leben kein Zuckerschlecken war. Sie wusste, dass schlimme und schrecklich Dinge geschehen waren und bald, so wie es aussah, wieder geschehen würden.
Gereizt stand sie auf und begann von einer Seite des Zimmers auf die andere zu laufen. Sie fühlte sich hilflos, eingesperrt, wie ein Tier im Käfig. So viel hatte sie verpasst.
Und sie spürte tief in sich ein mehr als nur bedrückendes Gefühl. Es riss ihr das Herz heraus, wenn sie an seine dunklen Augen dachte. Sie seufzte, er war der Einzige, den sie jetzt sehen wollte, doch er hatte sich von ihr abgewandt. Ausgerechnet er war der Einzige, der sie nicht besuchen kam.
Nachdem sie eine Weile so in Gedanken versunken hin und her gelaufen war, beschloss sie etwas zu unternehmen.
Unschlüssig blickte sie an sich hinab. Grauer Wollpullover, hellblaue Jeans und grüne Sneaker. Kurz entschlossen machte sie sich auf den Weg zur Tür.
Sie wollte Alice besuchen. Sie wusste, dass sie in der selben Etage wie sie selbst untergebracht war. Im Fall von Alice war es mittlerweile klar, dass sie und ihr Mann Edward sich nicht wieder erholen würden.
Zum Glück war bereits 18:25 Uhr, in fünf Minuten begann also das Abendessen. Während die Ärzte, Schwestern und Patienten in der nächsten halben Stunde die Zeit damit verbrachten Essen in sich rein zu schaufeln, war kaum jemand auf dem Flur und so würde sie, wenn sie Glück hatte, niemandem begegnen, der unangenehme Fragen stellen konnte.
Während sie den Flur entlang huschte, nach Krankenpflegern, Schwestern und Ärzten Ausschau hielt und jedes mal, wenn jemand in ihre Richtung kam, sich irgendwo versteckte, las sie die Türschilder und suchte so nach Alice Zimmer.
Eigentlich war ihr noch nicht erlaubt worden, ihr Zimmer zu verlassen, aber seid wann tat sie, was man ihr sagte?
Schließlich hatte sie es gefunden. Sie sah noch einmal in beide Richtungen ob jemand kam und huschte dann zu der Tür, drückte die Klinke herunter und trat herein.
Als sie eintrat, stellte sie fest, dass außer den zwei Patienten sich noch drei weitere Personen im Raum aufhielten, eine Krankenschwester im weißem Kittel, ein kleiner rundlicher Junge und eine ältere Frau. Drei Köpfe drehten sich schlagartig zu ihr herum. „Guten Tag“, sie lächelte freundlich.
Dabei fiel ihr Blick auf Alice und sie musste schlucken. Ihre einstmals beste Freundin betrachtete ein rosa Bonbonpapier, drehte es zwischen ihren Händen hin und her, schnupperte daran und begann dann es äußerst sorgfältig zu falten.
„Wer sind sie“, wurde sie streng von der älteren Frau aus ihren Gedanken gerissen. „Janine, Janine Drake“, sie zögerte kurz, „eine alte Freundin von Alice.“ „Erzählen sie doch keinen quatsch, wie wollen sie eine alte Freundin von Alice sein, sie sind doch höchstens 20.“
„Kennen sie Viki, Viktoria mein ich“, die ältere Frau runzelte die Stirn, „Natürlich, sie ist eine von Alice engsten Freunden und Luis Patin.“ Janine nickte, „Viki, Alice und ich waren zusammen im Internat.“

Sie hatte sich noch eine Weile mit Ms McMillan unterhalten, war aber schließlich wieder zurück in ihr Zimmer gegangen.
Sie war erschöpft gewesen und hatte sich hingelegt, nachdem sie jedoch die Hälfte der Nacht von Albträumen gequält worden war, war sie bereits um 5 Uhr aufgestanden und saß seitdem am Fenster, ließ ihre Gedanken treiben und ignorierte alle, die nach ihr gesehen hatten. Ihr war nicht nach aufmunternden Gesprächen.
Sie spürte, wie sie langsam aber sicher verrückt wurde. Endlich, nach so langer Zeit hatte sie den Fluch besiegt und war aus dem Koma erwacht und nun saß sie hier, eingesperrt in ihrem Krankenzimmer.
Ihre Gedanken wurden zunehmend finster und dunkle Erinnerungen quälten ihren Geist.
Sie erhob sich und schritt auf den Schrank zu, in den ihre Mutter Kleidung von ihr gelegt hatte. Sie öffnete die Tür und betrachtete ihre Klamotten.
Nach kurzem Zögern entschied sie sich für eine blaue Jeans mit Schlag, einen roten weiten Strickpullover, einen burgunderroten Cashmere Schal, weinrote Absatzschuhe und einen dunkelgrünen Wollmantel.
Sie nahm die Kleider und ging in das kleine Bad, das zu dem Krankenzimmer gehörte.
Nachdem sie geduscht hatte, trat sie vor den Badezimmerspiegel. Ihre Haare steckte sie sich hoch.
Während sie sich frisierte fiel ihr Blick auf ihren rechten Ringfinger und auf den goldenen Ehering. Sie senkte die Hand und betrachtete ihn, dann seufzte sie und blickte in den Spiegel, ihre Augen blickten ihr traurig entgegen.
Während sie die Schuhe anzog fiel ihr etwas ein. Sie griff in ihre weinrote Handtasche und holte einen silbernen Armreif in Form einer Schlange heraus und streifte ihn sich über. Er war ein Geschenk aus lang vergangenen Zeiten.
Sie ging aus dem Badezimmer, schlüpfte in ihren Mantel, und nahm ihre Handtasche. Ihre restlichen Sachen packte sie in eine Reisetasche.
Als sie alles verstaut hatte verließ sie still und heimlich das Krankenzimmer. Sie machte sich auf den Weg den Flur hinunter und überlegte, wie sie wohl die Rezeption finden könnte.

Nachdem sie das St Bartholomew’s Hospital verlassen hatte, befand sie sich nun mitten in London. Sie musste lächeln. Gestern hatte ihre Mutter ihr eine Tafel Schokolade geschenkt. Es war ihre Lieblingsschokolade gewesen, zartbitter mit Orange und Chili. Es war seltsam, wie schön und berührend selbst die einfachsten Dinge sein konnten.
Kaum war sie in der Menschenmenge untergetaucht, spürte sie Anspannung in sich wachsen. Jedes mal, wenn sie an gerempelt wurde, war es als ob sie einen Stromschlag abbekommen würde.
Innerhalb kürzester Zeit war sie vollkommen verspannt, ihr tat alles weh und ihre Schläfen begannen zu pochen. Erst vor wenigen Momenten war sie voller Zuversicht gewesen, doch das Hochgefühl war schon längst wieder verschwunden.
Sie spürte wie Panik in ihr hoch stieg, jeder Ruf, jedes noch so kleine Geräusch hallte in ihren Ohren wieder, ihre Augen brannten von den ganzen blinkenden Lichtern und der Geruch war beinahe unerträglich.
Angst, Panik; Schmerzen, Schwindle, Übelkeit all das strömte auf sie ein und ihr kamen die Worte des Arztes wieder in den Kopf

[style type=“italic“]„Ihr Körper ist nun seit mehr als zehn Jahrzehnten nicht mehr draußen gewesen, durch die Magie hat sich die Muskulatur zwar nicht abgebaut, aber trotzdem ist für sie erst einmal jede Bewegung ein Marathonlauf, jede Berührung wird für sie erst einmal schwer zu ertragen sein, ihre Augen haben sie schon lange nicht mehr benutzt ebenso wie ihre Nase, ihre Ohren, mit alldem hatte ihr Gehirn schon lange nicht mehr zu kämpfen, sie haben von der Welt nie mehr mit gekriegt als das, was in ihrem Zimmer passiert ist.
Und jetzt stellen sie sich mal vor, wir würden sie schon entlassen. Ihr Körper und ihr Geist wären mit der Situation vollkommen überfordert. Sie würden einen Nervenzusammenbruch erleiden, sie würde durchdrehen und wir würden zusätzlich die Gefahr eingehen, dass ihre Seele sich zurückzieht und sie rückfällig werden.
Wir wissen nicht ob sie sich ein zweites mal erholen würden.
Also bitte ich sie, folgen sie meinem Rat und verlassen sie erst mal nicht ihr Zimmer.
Wir wollen doch die Fortschritte, die sie gemacht haben, nicht mit nur einer unbedachten Handlung wieder zunichte machen. Oder?“ [/style]

Sie musste hier weg, sie hätte auf ihn hören sollen und das St Barts gar nicht erst verlassen dürfen.
Aber das würde sie natürlich niemals zugeben. Sie würde jetzt auch nicht durchdrehen oder einen Nervenzusammenbruch erleiden.
Sie musste einfach gucken, dass sie möglichst schnell an einen ruhigen Ort kam. Sie sah sich um und ignorierte, dass sich alles um sie zu drehen schien.
Da hinten war doch mal ein Café gewesen. Sie hatte Glück, es war noch immer da. Ihre Schritte wurden schneller als sie auf das Café zu eilte.
Als sie es endlich erreicht hatte, stieß sie panisch die Tür auf und hätte beinahe einen kleinen Jungen umgerannt. Sie nuschelte eine Entschuldigung und schritt hastig auf einen kleinen Tisch weiter hinten zu. Er stand an einem der hohen großen Fenster und man konnte gut das Treiben draußen beobachten, gleichzeitig war der Tisch aber abseits gelegen.
Froh, dass sie niemand beachtete, ließ sie sich auf den gepolsterten Stuhl fallen, nachdem sie sich aus ihrem Mantel gekämpft hatte.
Sie strich sich über das Gesicht und atmete ein paarmal tief und ruhig durch. Als sie sich wieder beruhigt hatte ließ sie ihren Blick nach draußen wandern.
Sie beobachtete wie eine kleine Familie sich durch die Menge kämpfte. Zwei Mädchen, etwa im gleichem Alter, sprangen Hand in Hand voran und sangen ein Weihnachtslied. Die Mutter hielt einen kleinen Jungen auf den Armen.
„Was möchten sie?“, Janine schreckte aus ihren Gedanken und sah auf. Vor ihr stand eine junge Frau, etwa 18 Jahre alt und sah sie lächelnd an. „Ich hätte gerne einen Earl Grey.“
„Sonst noch etwas?“ „Nein danke, erst einmal nicht.“ Die Bedienung nickte und verschwand wieder.
Gedankenverloren spielte sie mit ihrem Schlangenarmband während sie weiter das Treiben draußen beobachtete.
Sie fragte sich unwillkürlich wie sehr sich wohl die Welt in den letzten Jahren verändert hatte.

Es begann zu schneien.Verträumt sah sie zu wie die Schneeflocken durch die Luft wirbelten, irgendwo landeten und schmolzen.
„Hier bitte sehr, ihr Tee“, erneut wurde sie von der Bedienung aus ihren Gedanken gerissen. „Danke“, sie lächelte freundlich und blickte wieder nach draußen.
Dann nahm sie ihren Tee und schnupperte daran. Im Krankenhaus hatte es einfach keinen vernünftigen Tee gegeben. Wie sie den Geruch vermisst hatte. Vorsichtig nippte sie an dem heißen Getränk und genoss das Gefühl als der Tee sie von innen heraus wärmte.

Als sie ihren Tee fertig getrunken hatte bezahlte sie und erhob sich.
Sie hatte beschlossen sich noch einmal in die Menschenmenge zu wagen. Schocktherapie war schon immer ihre Devise gewesen.
Sie schlüpfte in ihren Mantel und begab sich nach draußen. Kaum war sie zwischen den Menschenmassen wünschte sie sich schon wieder zurück in das Café an ihren ruhigen Tisch. Aber jetzt war es zu spät.
Sie strich sich das Haar aus dem Gesicht und seufzte.
Erneut spürte sie Panik in sich aufsteigen, aber sie schob das Gefühl rabiat beiseite und konzentrierte sie darauf Ruhe zu bewahren.
Bereits nach kürzester Zeit war sie erschöpft und müde. Es strengte sie ungemein an die ganze Zeit Ruhe zu bewahren und auch die ungewohnte Bewegung machte die Angelegenheit für sie nicht gerade leichter.
Es hatte sich einiges verändert und bald lief sie staunend durch die Straßen und hatte ihr Unwohlsein fast vergessen.

Es wurde bereits dunkel und sie spürte erneut Müdigkeit in sich aufsteigen.  Sie suchte sich ein Hotelzimmer und kaum lag sie in dem weichem Bett schlief sie  auch schon ein.
Am nächstem Morgen machte sich auf den Weg zum Bahnhof Kings Cross und als sie endlich ankam wartete sie nicht lange, sondern kaufte sich ein Ticket nach Lynton. Ganze 6 Stunden später stand sie an einer Bushaltestelle und wartete.  Um 13:25 war sie dann endlich bei dem Haus, das am Rand von Lynton lag und in dem sie früher gelebt hatte.
Sie wusste, dass sich ihre Mutter darum gekümmert hatte.
Als sie vor der Haustür stand spürte sie Erinnerungen in sich hoch steigen, doch sie war zu erschöpft um das weiter zu beachten.
Sie kramte in ihrer Tasche nach ihrem ehemaligen Hausschlüssel und als sie ihn schließlich fand zitterte ihre Hand. Sie schloss auf und trat ein.
Das Haus war dunkel und kalt und als endlich der Ofen brannten war sie so erschöpft, dass sie es gerade noch schaffte sich aus ihren Sachen zu schälen, bevor sie in ihr Bett fiel.
Spät Abends wachte sie schweißgebadet auf. Ihre Atmung war schnell und unregelmäßig, Schweiß stand auf ihrer Stirn, sie fror.
Als sie halbwegs wieder bei sich war erhob sie sich, machte das Licht an, schnappte sich ihren Morgenmantel und ging in die Küche. Dort setzte sie Wasser auf und machte sich einen heiße Tee.
Mit der Tasse in den Händen ging sie durch das Wohnzimmer und stellte fest, dass alles noch so war wie sie es damals vor so vielen Jahren verlassen hatte.
Sie trat an das Fenster und starrte eine Weile hinaus.
Als sie den heißen Tee getrunken hatte legte sie sich wieder in ihr Bett. Es dauerte eine Weile bis sie einschlief.
Sie fühlte sich einsam und allein, dunkle Erinnerungen und Gedanken schwebten durch ihren Kopf, während sie an die Wand starrte.
Sie zog ihre Decke bis zur Nase hoch und versucht an etwas Schönes zu denken. Es misslang ihr und irgendwann dämmerte sie dann langsam hinüber in das Reich der Träume.

Sie rannte, es war dunkel, sie konnte nichts sehen.
Aber sie hörte Schreie. Da, da war doch etwas. Sie hatte es genau gesehen.
Sie versuchte zu beschleunigen, doch ihre Füße schienen am Boden zu kleben, es war als ob sie durch zähen Honig lief.
Wieder hörte sie die Schreie. So verzweifelt klangen sie. Panik lähmte ihre Glieder als von überall Schreie erklangen.
Wo, wo musste sie lang? Sie wusste es nicht. Sie würde zu spät kommen. Nein, sie war schon zu spät. Alles war zu spät.
„Janine, Jaaanine, Jaaaa…..“, der Schrei verklang. Die Stimme, es war Josephinas Stimme gewesen „Janeee, Janiiiii“, sie fuhr herum „Mary, Mary wo bist du?“ doch sie bekam keine Antwort.
„Jaaaaaane.“ Alice, das war Alice. „JANE“ Wieder Josephina!
Angst, eiskalt krallte sie sich in ihr Herz als sie ihre Freundinnen so verzweifelt nach ihr rufen hörte, doch wo musste sie hin?
Die Stimmen erklangen von überall. „JANE“, sie rannte los, dachte nicht darüber nach wohin, rannte einfach nur in der Hoffnung ihre Freunde zu finden und ihnen helfen zu können.
Sie verlor den Boden unter den Füßen und fiel, ihr eigener Schrei hallte ihr in den Ohren.

Schwer atmend fuhr sie hoch.
Es war nur ein Traum, nur ein Traum, versuchte sie sich zu beruhigen, doch es klappte nicht.
Alle Drei hatten nach ihr geschrien. Mary, Josephina und Alice, ihre drei besten Freundinnen und keiner hatte sie helfen können.
So wie es auch wirklich gewesen war. Als Mary und Josephina starben lag sie im Koma, als Alice und Edward durch Folter um den Verstand gebracht wurden lag sie ebenso im Koma.
Sie ließ sich zurück sinken und schloss erneut die Augen, es dauerte nicht lange und sie war wieder eingeschlafen.

Sie tanzte drehte sich im Kreis, wirbelte durch die Luft, sie war glücklich. Lange war es her, dass sie so glücklich gewesen war.
Plötzlich stand sie auf einer Wiese. Sie kannte diese Wiese, kannte den Wald in der Ferne, kannte den kleinen Bach.
Sie stand vor einem großen Herrenhaus und schritt die Stufen hinauf. Sie betrat die kalt wirkende Eingangshalle, schritt auf eine hohe schwarze Flügeltür zu.
Ein langer Tisch, Stühle mit hohen Lehnen.
Sie wollte sich umdrehen, doch plötzlich war sie in einem alten Haus.
Sie stand in der großen Halle und betrachtete die Decke. „Drake“, diese Stimme. Sie drehte sich um und erkannte vor ihr einen großen Mann ganz in Schwarz gekleidet, schwarze Haare und schwarze Augen. Nein, nicht schwarz, nur sehr, sehr dunkel.
Sie brauchte nur einen Moment um ihn zu erkennen, er war älter als sie ihn in Erinnerung hatte. Sie lächelte. „Nightingale.“
Erneut verschwand alles um sie herum und sie stand in einer Kirche. Sie erkannte sie sofort und dann hörte sie auch schon Musik.
Sie verließ die Kirche und ging auf die Festwiese davor zu. Musik spielte und in der Mitte der Tanzenden war ein Pärchen.
Die Frau in einem weißem Kleid, der Mann im schwarzen Anzug. Es war ein schöner Tag und insgesamt strahlte alles unglaubliche Ruhe und Frieden aus.
Plötzlich erschien eine Gestalt in einem schwarzem Umhang mit Maske. Dann noch eine, noch eine und immer mehr. Bis die ganze Festwiese von ihnen umstellt war.
Flüche zischten durch die Luft, Schreie erklangen. Licht in Form von grünen und roten Ranken umschloss die Frau im weißen Kleid. Ohne auch nur einen Ton von sich zu geben, sackte sie in sich zusammen. Der Mann fing sie auf und sieverschwanden.
Sie stand in einer dunklen Hütte und hörte Stimmen. Langsam bewegte sie sich in ihre Richtung.
Sie kannte beide. Die eine war ihr lieb und teuer, die andere jedoch verabscheute sie aus ganzem Herzen, doch bevor sie verstehen konnte worüber sie sich unterhielten, war sie bereits wieder fort.

Sie wachte auf, diese Nacht war nicht gerade erholsam.
Sie stand auf und machte sich auf den Weg in das Badezimmer. Sie sollte sich wahrscheinlich bei den Ärzten melden. Immerhin war sie ohne ein Wort zu sagen einfach abgehauen.
Sie fühlte sich schrecklich, komplett übermüdet. Ihr Schlaf war von Albträumen geprägt gewesen.
Stöhnend fuhr sie sich mit den Händen über das Gesicht und starrte frustriert in den Badezimmerspiegel. Unter ihren Augen waren dunkle Augenringe und ihre Haut war noch blasser als sonst, im Großem und Ganzen sah sie aus wie eine wandelnde Leiche, die gerade dem Grab entstiegen war.
Sie machte sich auf den Weg in die kleine Küche. Dabei sah sie sich die Räume das erste mal, seit sie wieder hier war, richtig an.
Es hatte sich nichts verändert, alles sah noch so aus wie an dem Tag als sie das Haus das letzte mal betreten hatte. Sie betrachtete das weiche Sofa.

Sie saß in eine warme Decke gehüllt auf dem Sofa, in der einen Hand eine Tasse mit warmen Tee in der anderen eines ihrer Lieblingsbücher. Es war ein Sammelband mit Sherlock Holmes Geschichten von Arthur Conan Doyl.
Während es draußen stürmte, in Strömen regnete und die Fensterläden klapperten, hatte sie die Nase in dem Buch vergraben und las die Geschichte vom Hund von Baskerville.
Im Ofen prasselte ein wärmendes Feuer munter vor sich hin und sie trank einen Schluck von dem herrlich warmen Tee, er schmeckte süßlich nach Vanille, Zimt und Apfel.
Die einzige Lichtquelle im Raum neben dem Ofen waren die drei Kerzen, die sie auf den Wohnzimmertisch aus Eiche gestellt hatte.
Sie hörte nicht, dass sich die Wohnungstür öffnete, sie nahm nichts war. Die Geschichte hatte sie vollkommen in ihren Bann gezogen. So sah sie auch nicht die dunkle Gestalt, die das Wohnzimmer betrat.

Langsam schritt sie auf das Sofa zu und strich über den weichen Stoff eines Kissens.
Ihr Blick fiel auf eines der hohen Bücherregale. Da, da stand es „Sherlock Holmes – Der Hund von Baskerville“, lächelnd schritt sie zu dem Bücherregal, zog den Band heraus und strich sanft mit den Fingern die leichte Staubschicht ab.
Der Einband war alt und vergriffen, den Band hatte sie vor langer Zeit in dem Bücherregal ihrer Eltern entdeckt, damals war sie gerade 9 Jahre alt gewesen und es war eines der ersten Bücher, die sie gelesen hatte.